Tobs Weblog
Post Mortem Weinprobe - 2007-11-29 02:51:28
Seit ich angefangen habe zu studieren sind nun ein paar Jahre ins Land gestrichen, und die Albernheiten die man im ersten Semester so machte weil man endlich per Default sturmfreie Bude hatte sind mir so lamgsam vergangen. Wo es ja so langsam aufs Berufsleben zugeht sollte ich mich doch auch wie ein Erwachsener verhalten. Genau. Zumindest manchmal. Naja.
Auf meinem Regal steht seit Längerem eine kleine Sammlung an Weinen, die sich bei mir irgendwie angesammelt haben und die ich dort toleriere, weil sie so einen niedlich studentischen Touch haben. Wenn einer zu mir kommt denkt der bestimmt "Aha, das sind ja ein paar nette Flaschen Wein. Jaja, typisch Student: Wein besitzen." Bevor der Blick meines Gastes dann durchs Zimmer schweift, um die (inexistenten) Birkenstock Latschen zu suchen, die ihm jetzt gut in sein Bild von mir passen würden, kriegt er lieber gleich ein Glas Wein in die Hand gedrückt. Ich trink dann eins mit und zurück bleibt eine halbe Flasche Wein, die ich am Ende des Abends wieder verkorke und denke "Kann ich ja morgen noch trinken." Weil ich aber allein keine Lust habe etwas zu trinken, sammeln sich auf diese Weise immer einige halbvolle Flaschen in meinem Regal an, die recht schnell die Grenze der Genießbarkeit erreichen, und dann überschreiten.
Heute fiel mir auf dass sich das Regalbrett, auf dem die Flaschen stehen, unter der Last inzwischen biegt, und ich entschloss mich, einige der ungenießbaren Flaschen zu entsorgen, was zunächst bedeutete sie zu entleeren. So stand ich dann mit drei Flaschen Wein in meiner niedlich studentischen Küchenzeile und wurde neugierig, wie ungenießbar diese Weine denn nun geworden seien. Ich entschloss mich dann zu einer post mortem Weinprobe. Hier das Ergebnis:
Chardonnay Valdadige, Italien 2006
Beginnen wir mit einem Weißwein, der vermutlich vor ein paar Monaten zum Kochen benutzt wurde und seitdem halbvoll in meinem Regal stand. Er beginnt stark apfelig, entwickelt dann einen intensiven Geschmack, der grauenvoll an Verdünnung erinnert, wird im Abgang aber wieder angenhem Birnig, weshalb es fast ein wenig Leid tut ihn wegzuschütten.
Cabarnet Sauvignon, Kalifornien 2005
Der Anlass der Öffnung dieses normalerweise sehr empfehlenswerten Tropfens ist mir leider entfallen, aber es kann höchstens zwei Jahre her sein. Das Bouquet ist angenehm holzig, der Geschmack hingegen unangenehm holzig ohne erkennbare Reste von etwas, das man noch Wein nennen könnte. Jedem, der schon einmal wissen wollte, wie es ist, einen morschen Baum zu trinken, sei dazu geraten, diesen Wein einmal etwas länger stehen zu lassen.
Le Rouge, Frankreich, keine Datumsangabe (!)
Wie lang dieser Wein schon in meinem Regal stand, weiß ich wirklich nicht, aber ich hatte aufgrund seiner offensichtlich furchtar billigen Aufmachung die größten Skrupel, diesen Wein irgendjemandem anzubieten. OK, ehrlich gesagt habe ich es doch versucht, blieb aber jedes Mal darauf sitzen. Der Staubschicht auf der Flasche nach zu Urteilen würde ich ungefähr drei Jahre vermuten. Was ihn noch retten könnte war die Tatsache dass er bislang ungeöffnet war. Meine Erwartung, dass er über die Jahre in der Flasche zu etwas Vernünftigem gereift war, wurden jedoch gnadenlos zerschmettert. Es brauchte schon einige Überwindung, das Glas mit der blassen rötlich-braunen Flüssigkeit anzusetzen, die auch noch so scheinheilig geruchlos war. Zunächst war es einfach nur ein unglaublich bitterer Geschmack, dann hatte ich den Eindruck, jemand würde über mein Grab laufen, und ich musste mich heftig schütteln. An den Rest erinnere ich mich nicht mehr, aber ich hatte etwas Angst um meine Abflussrohre als ich diese grässliche Flüssigkeit in die Spüle schüttete.
Ich gehöre übrigens auch zu der seltenen Sorte Mensch bei der Süßigkeiten ziemlich lange lagern. Sollte ich die mal ausmisten, werde ich aber eher von einer Verköstigung absehen.
Caro schrieb am 2007-11-29 13:46:25
Na endlich ma was Neues ! Weiter so
Tim schrieb am 2007-11-29 15:12:49
Hmm, genau hinsehen, wenn man beim Tob Wein bekommt :-)
buck schrieb am 2007-11-30 21:46:13
Besser den Rum trinken. Und zwar bevor der enthaltene Alkohol die Rum-Dosier-Halterung aufgelöst hat.
Amina schrieb am 2007-12-02 18:22:32
Ach was, Süßigkeiten halten ewig, ich helf dir bei der Verköstigung. Ich mach sie auch allein, wenn du nicht willst :-)
Roman schrieb am 2007-12-11 11:01:39
Hach herrlich, dieser erfrischend leichte Ton des Tobs, Jahrgang irgendwas kurz nach 1980.
Von einem angenehm heiterem Anfang über einen sehr erheuternden mittleren Teil und wieder leicht schmunzeln machend im Abklang.
Sollte öfter genoßen werden!
josi schrieb am 2007-12-15 23:41:00
herrlich.
ela schrieb am 2008-01-06 22:43:22
hey tobi... ich kenn dich zwar nicht, aber deine seite bringt mich immer wieder zum schmunzeln. dankeschön und weiter so!




